MAX SEVERITY: Eine Twitch Ban Hell Kurzgeschichte

Am 13. Februar 2026 gegen halb vier Uhr morgens wurde mein Twitch-Account gesperrt. Der Grund laut Email: Fraud – Actively engaging in fraudulent activity. Severity: MAX. Indefinite Suspension.


Am 13. Februar 2026 gegen halb vier Uhr morgens wurde mein Twitch-Account gesperrt. Der Grund laut Email: Fraud – Actively engaging in fraudulent activity. Severity: MAX. Indefinite Suspension.

Ich streame seit 5 Jahren auf Twitch, bin seit über einem Jahrzehnt auf der Plattform und hatte nie irgendwelche Verwarnungen oder Probleme. Der Schock war dementsprechend groß.

Hier will ich kurz erzählen, wie das Ganze abgelaufen ist. Für mich als Dokumentation und villeicht hift es ja jemandem in der Zukunft auch.

Der Appeal-Prozess

Ich habe sofort einen Appeal über das offizielle Appeals-Portal eingereicht, worauf man auch automatisch weitergeleitet wird, wenn man versucht sich einzuloggen während des Banns. Paar Minuten später dann noch eine Email von Twitch: ich solle das Help Center aufsuchen und dort unter Account/Login Issues > Payout Suspension ein Formular einreichen.

Diese Kategorie existierte aber im Help Center nicht bei mir. Es gab Suspensions & Warnings > Appeal Account Suspensions & Warnings – aber wenn man das auswählt, wird man direkt zurück zum Appeals-Portal weitergeleitet. Mein erster Appeal war zu diesem Zeitpunkt bereits automatisch abgelehnt worden, ohne inhaltliche Begründung.

Ich habe daraufhin ein weiteres Ticket unter Suspensions & Warnings > Other eingereicht, um die unklare Situation zu melden. Die Antwort enthielt dann auf einmal eine neue Erklärung für meinen Bann: Mein LegumeAbi-Account (mein HauptAccount) sei gesperrt worden, weil ich ihn angeblich benutzt hätte, um den Bann eines anderen Accounts von mir zu umgehen. Ich hatte eine Woche vorher einen neuen “cayberspace”-Account als Sekundärkanal angelegt.

Das Problem mit dieser Erklärung: Beide Accounts wurden laut den Email-Zeitstempeln zur exakt gleichen Sekunde gesperrt. Ban Evasion wäre also ein bisschen wild bzw. unmöglich. Es sei denn ich würde genauso mit high speed automatisiert Dinge tun wie Twitch mit seinem Ban-Verhalten. Meine Vermutung war, dass das Erstellen des neuen cayberspace-Accounts ein automatisches System getriggert hatte, das alle mit mir assoziierten Accounts auf einmal gespertt hat – ohne, dass da irgendein Mensch draufgeschaut hätte.

Alles nur Einzelfälle…

Während ich bisschen rumrecherchiert habe, bin ich auf andere Streamer*innen gestoßen, denen exakt dasselbe passiert war. NoxyNaps hat dazu sogar ein YouTube-Video gemacht (Twitch is Punishing Streamers for NOTHING!), und in den Kommentaren fand ich meinen Fall fast 1:1 wieder. NoxyNaps brauchte fast 8 Wochen, bis deren Account wiederhergestellt wurde. Die Streamerin Jill Bearup hatte eine ähnliche Erfahrung und kämpfte sich über eine GDPR-Datenanfrage durch. Alles nur Einzelfälle? I think not.

Der Struggle

Nach einer Woche ohne hilfreiche Antwort habe ich parallel mehrere Wege verfolgt:

GDPR-Datenanfrage: Erstmal habe ich Twitch’s Datenschutzabteilung kontaktiert, um Zugriff auf alle gespeicherten Daten zu beantragen. Das geht über https://help.twitch.tv/s/contactsupport und dort dann Privacy > Data Request > Accessing my data auswählen und das Support Ticket weiter ausfüllen.

Digital Services Act (DSA): Als EU-Nutzer habe ich meinen Fall bei ADROIT eingereicht, einer zertifizierten außergerichtlichen Schlichtungsstelle nach dem Digital Services Act (DSA). Die haben den Fall übernommen und eine formale Beschwerde bei Twitch eingereicht. Der DSA verpflichtet Plattformen, klare und spezifische Gründe für eine Sperrung zu nennen (Artikel 17) und ein funktionierendes internes Beschwerdesystem bereitzustellen (Artikel 20). Artikel 22 DSGVO schreibt außerdem vor, dass Entscheidungen mit rechtlicher Relevanz nicht rein automatisch getroffen werden dürfen. Alles Dinge die Twitch ziemlich verkack hat.

Anwälte: Ich habe zwei auf Medienrecht spezialisierte Kanzleien kontaktiert. Beide schätzten die Kosten für einen einfachen Anwaltsbrief auf etwa 1.000 Euro – das war Option C, die ich erstmal zurückgestellt habe. For obvious reasons…weil puuuh…

Die “Auflösung”

Am 5. März – knapp 3 Wochen nach dem Bann – war mein Account plötzlich wieder entsperrt. Keine Email. Keine Erklärung. Einfach wieder da. Ooooookaaay.

Ich war nach dem Schock erstmal super unsicher, sodass ich abgewartet habe bevor ich mich eingeloggt habe, aus Angst erneut das Ban-Evasion-System zu triggern. Zwei Tage später war klar: Alles ist wieder normal, alle Accounts zugänglich.

Ich hab leider keine genaue Antwort, was jetzt das Problem aus- und aufgelöst hat, but I have my theories:

Rückblickend glaube ich, dass mehrere Dinge zusammengespielt haben. Ein möglicher Auslöser für die Auflösung könnte gewesen sein, dass ich wegen meiner Steuerbelege nochmal ein Ticket eingereicht hatte – da ich keinen Zugriff mehr auf meine Payout-Receipts hatte und die Steuerdeadline kurz vor knapp war. Deswegen habe ich dabei nochmal explizit auf GDPR und das Recht auf menschliche Überprüfung hingewiesen. 24 Stunden später waren die Accounts wieder offen. Ob das der direkte Auslöser war oder ob im Hintergrund die Schlichtungsstelle Druck gemacht hat und damit was erreicht hat, weiß ich nicht.

Ein interessanter Insight beim nochmaligen Durchgehen aller Emails: Der cayberspace-Account wurde tatsächlich 2 Sekunden vor dem LegumeAbi-Account gesperrt (musste dafür etwas genauer in die Email-Header reinschauen). Das heißt, rein technisch wurde cayberspace zuerst gesperrt – und LegumeAbi dann wegen vermeintlicher “Ban Evasion”. Auf einem technischen Level checke ich das, aber es ändert nichts daran, dass die initiale Sperrung von cayberspace selbst offenbar unbegründet war und das System dann automatisch alles weitere ausgelöst hat. Was wahrscheinlich mehr gebracht hätte: Ich hätte früher schon checken müssen auch für den cayberspace-Account einen Appeal einzureichen – worauf ich im ganzen Chaos einfach nicht gekommen bin.

Was tun, wenn dich das trifft?

Falls du eine ähnliche Fraud-Sperre auf Twitch bekommst:

Das initiale Appeal wird automatisch abgelehnt – das ist offenbar “by design” und soll erst den eigentlichen Fraud-Appeal-Prozess freischalten. Danach solltest du ein reguläres Support-Ticket erstellen, explizit erwähnen, dass du Kontakt zum Fraud-Team willst, und auch für alle weiteren gesperrten Accounts separat Appeals einreichen.

Eine GDPR/DSGVO-Datenanfrage kann theoretisch helfen, herauszufinden, was konkret hinter der Sperre steckt, aber da würde ich meinen Atem nicht für anhalten. Vor allem, weil sich Twitch auch 30+ Tage Zeit lassen kann diese Anfrage überhaupt erst zu beantworten.

DSA-zertifizierte außergerichtliche Schlichtungsstellen (eine Liste gibt es unter digital-strategy.ec.europa.eu) sind eine kostenlose Option – die Plattform (also Twitch) trägt die Kosten. Das wäre auf jeden Fall das was ich mit der höchsten Prio machen würde. Aber auch die Verbraucherzentrale hat Ressourcen und Musterbriefe für gesperrte Online-Konten.

Am Ende ist das Frustrierendste an dieser Erfahrung nicht der Bann selbst, sondern die fehlende Transparenz und das super schäbige Gefühl in einem automatisierten System nur mit automatisierten Antworten abgespeist zu werden. Wahrscheinlich ein dunkler Vorgeschmack wie es in Zukunft noch viel mehr so weiter gehen wird mit dem Einzug von AI in allen möglichen Branchen. Dass es letztlich geklappt hat, ist schön – aber ohne die parallelen Maßnahmen und die Unterstützung aus der Community wäre es deutlich länger und zermürbender geworden. Und das war es ohnehin schon.

Als positiven Nebeneffekt habe ich wenigstens die Downtime genutzt um mich mehr mit Multi-Streaming zu beschäftigen und jetzt auch ein YouTube-Streaming-Setup aufgebaut. Aber ein sehr bitterer Geschmack bleibt irgendwie trotzdem übrig.

Falls ihr selber von sowas betroffen seid, pingt mich gerne online an. Ihr findet mich auf Bluesky unter @legumeabi.bsky.social und @cayberspace.bsky.social.