Palestine & Rassistische Kontinuitäten
Dieser Post handelt von meiner persönlichen Wahrnehmung zu dem Thema Palestine, als ein Migra, der in Deutschland geboren und aufgewachsen ist.
Eine schlummernde Politisierung
Wenn ich manchmal mit Freunden rede, höre ich mich oft sagen, dass ich die meiste Zeit meines Lebens unpolitisch war, und dass meine Politisierung im Grunde erst um 2016 herum angefangen hat, kurz bevor Trump das erste Mal gewählt wurde. Nur merke ich mittlerweile, dass das nicht so ganz stimmt. Je mehr ich grabe, desto mehr Schlüsselmomente finde ich, wo an meinem Politisierungs-Lenkrad die Richtung ordentlich eingeschlagen wurde.
Ich denke da z.B. an Thilo Sarrazins biologistischen Rassismus, der es zu Bestsellerstatus in Deutschland geschafft hat (2010) oder Gamergate und Anita Sarkeesian (2014). Für mich waren das prägende Momente, ohne dass ich es sofort begriffen habe. Natürlich fand ich Sarrazin und Gamergate schon damals scheiße, aber ich habe da “noch nicht viel draus gemacht”, wenn das irgendwie Sinn macht.
Aber ich kann auch weit vor 2010 schon sehr prägende Momente finden, die mit meinen heutigen Positionen sehr stark zusammenhängen.
In einem frühen Herbst, kurz vor meinem 17. Geburtstag, war ich auf dem Weg nach Hause vom Handballtraining. Ein Freund nahm mich damals im Auto mit und im Radio liefen die Nachrichten. Irgendwas von einem Flugzeug, das abgestürzt sei. In ein Hochhaus. Mitten in New York.
Ich erinnere mich noch, wie ich diese Nachricht gar nicht so richtig greifen konnte. Den Rest des Abends saß ich in meinem Teenager-Zimmer vor meinem Mini-Fernseher und habe Nachrichten geschaut. In der Tagesschau überschlugen sich die Beiträge. Es war gefühlt ein Abend voller “Sondersendungen”. Aber alle Sendungen hatten etwas gemeinsam. Sie brachten die Anschläge vom 11. September 2001 eindeutig in Zusammenhang mit einem Gesicht und einem Namen. Überall sah man im Sekundentakt den langen gräulichen Bart von Osama bin Laden. Der Name wurde immer und immer wieder gebetsmühlenartig wiederholt.
Was mich damals als 16-Jähriger schon gewundert hat, wie schnell die öffentlichen Medien quasi schon Reportagen und Dokumentationen bereit hatten, die sofort ausgestrahlt wurden. Zugegebenermaßen: Ich war zu der Zeit noch ziemlich großer X-Files Fan und in den 90er Jahren waren Verschwörungstheorien schon ziemlicher Hot Shit. Ich will hier also nicht so tun, als ob ich nicht dafür anfällig gewesen wäre. Aber irgendwas war weird für mich. Heute halte ich den Verschwörungstheorien-Nährboden der 90er als fatalen Fehler und mitverantwortlich für die heutigen Zeiten.
Die Berichterstattung und diese starke Fokussierung auf die eine große verantwortliche Person, immer mit dem gleichen Look, langer grauer Bart, erhobener Finger, Turban, Kalaschnikow im Schoß.
Ich glaube, ohne es wirklich zu verstehen, habe ich da das erste Mal gespürt, was Propaganda ist.
Nach dem zweiten Abend voller Berichterstattung über diesen ungreifbaren Dämon, wie die Medien ihn porträtiert haben, hatte ich einen Entschluss gefasst. Ich habe dem Fernsehen den Rücken gekehrt. In meinem jugendlichen leisen Protest wollte ich diese Art von Nachrichtenpräsentation nicht tolerieren. Und ich habe es durchgezogen. Von da an erstmal keine Nachrichten und auch sonst kein TV-Programm mehr.
It’s the Oil, Stupid!
Es war natürlich unvermeidbar, weiterhin Nachrichten mitzubekommen. Mindestens im Politikunterricht, wo ich mit rassistischen Politik-Takes der Lehrer ausharren musste oder aber auch als die USA in Afghanistan einmarschiert sind. Und dann später in den Irak. Der Irakkrieg von 2003 war unfassbar für mich, und selbst in der hessischen Provinz, in der ich aufgewachsen bin, gab es Antikriegs-Demos, die auch meine ersten Demos waren.
Der Dokumentarfilmer Michael Moore hatte hier seine Hochzeit und traf mit seiner US-kritischen Haltung nicht nur meinen Nerv zu der Zeit. Schnell wurde viel diskutiert, dass hinter dem Vorwand von vermeintlichen Massenvernichtungswaffen eigentlich nur das Vorhaben der USA steckt, das Öl und andere Ressourcen aus der Region für die eigenen Zwecke zu sichern. “It’s the oil, stupid!” hieß es überall im Netz.
In diesem Feld zwischen aggressiver Gut-und-Böse-Rhetorik, medial sichtbaren Kriegsverbrechen (Abu Ghraib, Falludscha etc.) wurde mehr und mehr ein Bild geschaffen. Nein, ich meine nicht das Bild der USA als aggressives Empire. Nebenbei, als Teil westlicher Propaganda, entstand nach und nach ein weiteres.
Das Bild von den im Sand lebenden, in Höhlen ausharrenden, langbärtigen und verschleierten Arabs, die entweder von ihren diktatorischen Regimen befreit werden müssen oder selbst Terroristen sind. Ich kann heute gar nicht anders, als dieses Bild in direkte Verbindung zu bringen mit der heutigen Phase des Palestine-Konflikts.
Es ist kein Wunder. Das Bild der rückständigen Kultur, in der Frauen und queere Menschen unterdrückt werden und nicht gleichgestellt sind, in der die Todesstrafe zum Rechtssystem dazugehört und wo religiöser Fanatismus an jeder Ecke zu finden ist, passt sehr gut zur westlichen White Supremacy. Jede dieser Eigenschaften kommt genauso auch in der westlichen Welt (vor allem in den USA) vor, aber “Lass uns halt! Wir sind doch nicht so wie die!”. Ablenkungsmanöver einfach auf Hard Mode durchgespielt.
Indeutschtrination
Das rassistische, islamophobe Bild von Menschen aus arabischen Ländern wurde mit den Ereignissen der frühen 2000er quasi ultrabeschleunigt. Call of Duty Spiele, in denen man es mit arabisch-sprechenden Terroristen zu tun hat, TV-Shows wie Homeland, Spiegel-TV Reportagen über gruselige Salafisten-Demos, Sarrazins Integrations-Nazi-Talk und ruckzuck war es 2014 und die ersten PEGIDA-Demos waren da. Islamophobie ist auch ein tolles Wort. Denn das klingt gar nicht so wie Rassismus. Zumindest in den Ohren derer, die das Wort Islam sowieso schon durch die vorherige Propaganda als etwas Gefährliches abgespeichert hatten (Btw anti-muslimischer Rassismus statt Islamophobie ist hier der bessere Begriff IMHO).
Dass nun heute der Backlash so gigantisch ist, wenn Menschen sich für palästinensisches Leben und Rechte einsetzen, ist so gesehen eine gerade Linie von 2001 bis jetzt. Der Umgang mit dem Palestine-Konflikt als Continuation des anti-muslimischen Rassismus von damals bis heute.
Ich möchte an der Stelle eine Sache aus dem Weg räumen. Ich selbst hatte zu dem Palestine-Thema — vor allem durch die deutsche Indoktrination (Oh hi! Deutsche Staatsraison 👋🏼) alles, was auch nur annähernd israelkritisch ist, abzulehnen und als antisemitisch zu sehen — einen sehr großen ignoranten Fleck. Ich erinnere mich an eine Situation von vor ein paar Jahren, in der mir ein Chatter im Stream unangenehm aufgefallen war, weil er “Israelis als potenzielle Triggerwarnung” bezeichnet hatte. Meine Reaktion war sofort, die Aussage des Chatters als rassistisch outzucallen. Ich bereue das nicht, denn aus meinem moralischen Kompass heraus hat es einfach nur Sinn ergeben, sofort eine Pauschalisierung einer Menschengruppe, die selbst Rassismus ausgesetzt ist, auch als Rassismus zu bezeichnen. Immerhin weiß ich als Türke in Deutschland ja, was Rassismus ist.
I was wrong though. Oder mindestens verstehe ich jetzt, was der Chatter damit ausdrücken wollte. Auch wenn eine solche Aussage ohne Kontext und ohne dass man die Person gut genug kennt, anonym in einem Twitch-Chat theoretisch auch jede Richtung einschlagen könnte und deswegen dennoch mindestens problematisch war. Ich bereue es deswegen nicht, wie ich reagiert habe, weil es mir ermöglicht hat, aus der Situation zu lernen. Moralischer Kompass bedeutet eben nicht Dogma, und Meinungen dürfen sich ändern.
Déjà-vus aus dem Teenager-Zimmer
Dann kam der 07. Oktober und das hat was mit mir gemacht. Ich habe mir die Bilder der Gewalt nie angesehen. Ich habe mir aber später den UN-Bericht, der die Geschehnisse mit Beweisen und Zeugenaussagen aufgearbeitet hat, durchgelesen. Es sind grauenhafte Details. Und doch fehlten die heftigsten Geschichten, wie die der geköpften und in Öfen gesteckten Babys (das waren nachweisliche Lügen, die von den westlichen Medien verbreitet wurden).
Auf der anderen Seite gab es Beweise für das andere Leid.
Die toten Kinder, die zerbombten Krankenhäuser und all das, was damals beim Irak-Krieg erst im Nachhinein geleakt wurde und an die Öffentlichkeit kam, war dieses Mal sofort auf TikTok. Quasi ein Livestream des Grauens. Auf TikTok … aber nicht in den deutschen Nachrichten. Dort war nur eine vermeintlich “neutrale” Berichterstattung zu sehen, die sich aber sehr einseitig angefühlt hat, ohne dass ich das richtig belegen konnte. (Das haben andere für US-Nachrichten z.B. mit Zahlen belegt)
Wenn ich es in einer Therapie beschreiben würde, dann hat die mediale Berichterstattung mich sehr an die um 9/11 erinnert. Irgendwas war off. Mich beschlich also schon wieder dieses Gefühl, wie damals als 16-Jähriger vor dem Fernseher im Teenager-Zimmer. Warum ist das schon wieder so?
Die Erklärung für dieses Gefühl habe ich ein paar Monate später durch einen aufgezeichneten YouTube-Livestream verstanden. Gabor Maté (selbst ein Holocaust-Überlebender als Kind) und sein Sohn Daniel sprechen in einem Panel mit mehreren Leuten über den Konflikt. Maté ist bekennender und lautstarker Antizionist. Er beschreibt sich selbst so, dass er mit Zionismus indoktriniert wurde und sich später in einem langen, schmerzhaften Prozess davon gelöst hat. Er selbst ist auch Sucht- und Trauma-Therapeut.
In dem Online-Panel kamen auch viele Beiträge aus dem Publikum zu Wort. Manche Menschen aus Israel, aber auch BIPOC aus den USA und Südamerika. Als eine Schwarze US-Amerikanerin Maté fragte, warum sie dieses Gefühl hat, dass hier etwas Ungerechtes passiert und ob sie indirekt mittraumitisiert sei durch die Bilder. Sie sei selbst beim US-Militär gewesen, habe viele dieser Feindbilder und Negativbilder gegen Muslime schon im Irakkrieg aufgesogen und schon damals sträubte sich in ihr etwas. Genauso wie heute.
Als ich das das erste Mal hörte fror ich ein. Ich selbst bin ein Kind türkischer Migranten, habe keine Familie und sonst auch keine Ties zu Palestine und als Arab werde ich weder gelesen noch bin ich gläubiger Muslim. Aber warum bewegte mich das Thema jetzt doch und das mit voller Härte?
Maté hatte darauf folgende Antwort:
“What a lot of People of Color and marginalized people are feeling is not indirect trauma. They are feeling their own trauma that they suffered for a long time being mirrored in what’s happening in Palestine […] That’s why people of color, minorities […] black people intuitively identify with the Palestinian people these days. Because they get it!”.
Mein Erstarren löste sich in Tränen auf. Es ist immer painful und gleichermaßen auch healing, eine Sprache dafür zu finden, die beschreibt, wie man sich fühlt. Auch wenn ich meine Struggles niemals vergleichen würde mit denen von der Black Community in den USA, habe ich hier dennoch eine Erklärung für meine Gefühle gefunden.
Als ich angefangen habe, Nachrichten außerhalb Deutschland und außerhalb des Westens zu lesen, hat sich auf einmal ein ganz anderes Bild ergeben. Südafrika und Nicaragua sprachen von Apartheid in Israel und haben geklagt. Deutschland und andere Colonizer-Länder wurden von vielen Nationen und Gruppen dieser Welt hart kritisiert und Komplizenschaft an dem laufenden Genozid gegen die Palästinenser vorgeworfen.
Als ich auf meinen ersten Free Palestine Demos in Berlin war und danach den direkten Vergleich zwischen der Realität vor Ort und der komplett gegensätzlichen Beschreibung der deutschen News gesehen habe, hat sich mir mein Magen umgedreht. Ich war ja so naiv.
Leidensfetischismus
Wenn ich etwas in den Monaten seit dem 07. Oktober gemerkt habe, ist es vor allem, dass Indoktrination und Propaganda sehr tief sitzen kann.
Viele in meiner Umgebung haben auf Israels Brutalität zwar mit Entsetzen, aber auch mit “Das ist so kompliziert”, “Ich kenne mich da leider zu wenig aus” reagiert. Deutsche Staatsräson hat uns gelehrt, dass wir uns nicht zu Themen äußern dürfen, wenn wir nicht die 100-jährige Geschichte einer Region und all ihre politischen Ereignisse und Daten bis ins letzte Detail kennen. Vor allem aber wurde uns gelehrt, dass wir gerade als Deutschland eine geschichtliche Verantwortung haben. Ich dachte ja immer, unsere geschichtliche Verantwortung wäre, nie wieder Rassismus und Faschismus zuzulassen. Meine heutige Wahrnehmung ist aber die, dass Deutschland aus dem Holocaust nur gelernt hat, Israel als Staat über alles zu schützen, auch wenn das bedeutet, dass dabei eine andere Menschengruppe genocided wird. Auf die Idee, das einen Genozid zu nennen, kommt man halt nur, wenn es auch Menschen sind, die da genocided werden. Und na ja … an der Entmenschlichung von Arabs haben wir ja jetzt gut 20-30 Jahre gearbeitet.
Zwei mediale Momente haben mir da noch mehr Hinweise gegeben.
Bei Hasan Piker (einem türkisch-amerikanischen linken Streamer) habe ich einmal folgende Situation mitbekommen. Ein Chatter hat sich darüber echauffiert, dass Hasan und sein jüdisch-amerikanischer Gast-Streamer das, was in Palestine passiert, einen Genozid nannten und mit dem Holocaust verglichen, aber nicht gleichsetzten. Der Chatter war der Meinung, dass man nichts mit dem Holocaust vergleichen sollte. Unter keinen Umständen ever! Etwas, was ich so auch in der Schule gelernt habe. Und ja, ich habe selbst absolut kein Interesse daran, den Holocaust herunterzuspielen und zu relativieren. Aber die Kehrseite dieses Dogmas kann echt perfide Züge annehmen. Der Chatter war nämlich der Meinung, dass gerade, weil der Holocaust systematisch-industriell war, und das, was in Gaza passiert, zumindest nicht industriell ist, man nicht von einem Genozid sprechen könne. Hasan und sein Gast haben die Aussage aufgegriffen und spaßeshalber kurz untereinander darum gewettet, ob der Chatter aus Deutschland sein muss. Beide waren sich sehr sicher, dass es sich hierbei um einen deutschen Chatter handelt. Ich habe nicht sofort begriffen, woher diese Sicherheit kam, aber die Erklärung hat mir ganz schön zugesetzt. Beide haben die deutsche Sicht auf den Holocaust nachgeäfft mit: “You can’t compare it to the Holocaust. No one did it like we did it. No one does it like us”. Der Holocaust als weird Flex von vermeintlich aufgeklärten Deutschen. Der Chatter war btw wirklich Deutscher. Die Situation hat deutlich gemacht, wie sehr ein Abwiegeln von Holocaust-Vergleichen zu einer weirden Art von Diskursverbot führt, die dann einen aktuell laufenden Genozid herunterspielt. Wer genocided besser? Und wenn es nicht so wie bei den Nazis ist, könnte man ja auch vielleicht gar nicht von einem Genozid sprechen. Viele argumentieren immer mit den Zahlen der Toten, die ja auch viel weniger seien. Aber in der Genfer Völkermordkonvention ist nirgendwo von einer kritischen Masse von Toten die Rede.
Ein paar Wochen später in einem Podcast habe ich von einem Buch gehört: “People Love Dead Jews”. Darin beschreibt die Autorin Dara Horn vor allem die Faszination für jüdisches Leid in der Geschichte, statt sich für das Leben und die Kultur der lebenden jüdischen Gemeinschaft in der eigenen Gesellschaft zu interessieren. Das hat gesessen. Ich musste zurückspulen, um nachzuprüfen, ob ich das gerade richtig gehört habe.
Deutschland interessiert sich für Juden und das Judentum vor allem dann, wenn es um den Holocaust geht, gerade ein Anschlag auf eine Synagoge passiert ist oder es um Israel geht. Aber warum wird hierzulande nicht öffentlich Jom Kippur oder Pessach (mit)gefeiert? Warum wissen die meisten 79 Jahre nach dem Holocaust kaum was über jüdische Kultur? Stattdessen ist das Einzige, was Touris in Berlin von jüdischer Kultur mitnehmen, das Holocaust-Mahnmal oder die ins Knochenmark gehenden Ausstellungen im Jüdischen Museum Berlin.
Man könnte also irgendwie meinen, Deutsche haben einen weirden Leidensfetischismus. Und dann ist das ja auch immer nur das Leid der “Anderen”. Egal ob Juden oder Arabs. Othering noch als Bonus oben drauf.
Der zweite weirde Fetischismus der Deutschen scheint mir der von Definition und Regeln zu sein (Okay, Captain Obvious!). Aber wie oft ich hören musste, dass “fällt vielleicht unter Antisemitismus”, “wir halten uns da an die Antisemitismusdefinition von…”, “es gilt zu prüfen, ob der Spruch from the River to the Sea antisemitisch ist”…
Das Interessante dabei ist, dass viele Deutsche der Meinung sind, diese Deutungshoheit auf Basis eines Teils der jüdischen Community durchzusetzen, während andere große Teile der antizionistischen jüdischen Community ausgeschlossen werden. Was dann zu dem Paradoxon führt, dass einer antizionistischen jüdischen Person, die “Stop Israel’s Genocide” ruft, Antisemitismus vorgeworfen wird. Nochmal: Deutsche Institutionen, die Nachfolgeinstitutionen vom Holocaust sind, werfen Jüd\*innen vor antisemitisch zu sein.
Was sagt mir das? Deutschen scheint es oft wichtiger zu sein, ob sie eine Regel oder Definition verletzen, als sich vokal und laut gegen einen Genozid zu stellen. Wenn diese Regel einmal aufgestellt ist, gilt sie als fest und ein Diskurs darüber ist nicht möglich. Da greifen die Institutionen dann lieber zum Autoritarismus und beenden mal schnell die Versammlungs- und Meinungsfreiheit.
Meine Vorfahren sind nicht von hier, mein Opa hat nicht am Holocaust mitgewirkt Wahrscheinlich aber an anderen Genoziden, was ich leider nie herausfinden werde. Vielleicht habe ich daher leicht reden. Aber ich wünschte, die Verantwortung, die Deutschland aus dem Holocaust mitgenommen hätte, wäre nicht, neue Regeln aufzustellen und diese dann selektiv auszulegen, sondern Menschenrechte für alle Menschen zu schützen. Egal wer. Egal wo. Für alle!
Das Schweigen vieler zu Palestine (weil zu kompliziert und man will nichts falsch machen) ist für mich eine sehr schmerzhafte Fortführung einer rassistischen Praxis. Entstanden aus einer Angst, den jüdischen Menschen kein Unrecht antun zu wollen, aber auch einer sehr gleichgültigen Haltung Arabs gegenüber.
Manchmal bleibt nur Zynismus. Dann sage ich meinen Leuten immer, dass Deutschland mit allen Liberation- und Aufklärungsthemen so 15-20 Jahre hinterherhinkt. Vielleicht ist es hier auch so. Vielleicht gibt es dann doch noch eine Einsicht, dass hier ein Genozid direkt unterstützt oder von einem Teil der Gesellschaft mindestens hingenommen wurde. Das dauert halt alles ein bisschen. Aber dann ist es auch zu spät für unsere palästinensischen Sibs.